Heute ist mir nicht nach Schreiben, sondern nach Treibenlassen, Antworten und ein Tabu brechen. Auf den hinteren Seiten der Vogue-Ausgabe stellt stets eine bekannte Persönlichkeit Fragen an die Leser und es gibt dazu keine Antworten. Die Rubrik lautet: Fragen ohne Antwort. In der Juli Ausgabe machte diese Bruno Frisoni - Schöpfer phantastischer Schuhkreationen, die Kate Moss und Charlotte Gainsbourg tragen. Also wage ich mich einfach mal in das Nest der Fragen…

Hätten Sie sich gern in doppelter Ausführung?
Nö. Wäre manchmal vielleicht ganz praktisch, aber eine von mir reicht.

Sind Sie lieber mit Männern oder mit Frauen zusammen?
Mit beidem. Das kann ich so nicht konkretisieren. Ich habe jedoch mehr weibliche Freunde, wenn Ihnen das vielleicht weiterhilft.

Was treibt Männer an?
Die Fortpflanzung.

Was treibt Frauen an?
Kleidung und Schuhe. (lacht.) Na nun habe ich ja jegliche Klischees bedient, die es gibt. Ich denke, es ist immer individuell auf jeden Menschen abgestimmt. Jeder verfolgt seine eigenen Ziele und Ideale und bieten so den passenden Treibstoff.

Was würden Sie unternehmen, wenn Sie Ihr/e Lieblingskünstler/in einen Abend für sich hätten?
Wein trinken, erzählen, Wein trinken, erzählen und irgendwann den Sonnenaufgang gemeinsam genießen.

Welche drei Begriffe bringen Ihre politische Einstellung auf den Punkt?
Soziale Gerechtigkeit, Umweltbewusstsein, Frieden.

Lesen Sie in Zeitungen lieber den Sport- oder den Kulturteil zuerst?
Den Kulturteil - die Literaturseite natürlich.

Gibt es ein Jahr, das Sie gern wiedererleben möchten?
Eigentlich schaue ich ja lieber nach vorn, doch heute noch zwickt es mich in meinem Bauch, wenn ich an meine drei Wochen Sprachreise in England zurückdenke. Die Zeit dort hat mich sehr, sehr glücklich gemacht.

Wann kommt ihr wahres Ich zum Vorschein - wenn Sie ein Abendkleid tragen - oder Jeans? Je nach Stimmung. Wissen Sie, es gibt Tage, da fühle ich mich wie eine Madame grande und es gibt Tage, in denen mag ich es eher sportlich. Spricht wohl für eine Vielseitigkeit. Doch insgesamt kann ich schon sagen, dass ich eher zum Abendkleid tendiere. Ich mag es gern glamourös.

Auf welches Körperteil schauen Sie bei anderen als Erstes?
Auf die Hände. Sie sagen viel über einen Menschen aus.

Wie weit würden Sie gehen, um in den Besitz eines begehrenwerten Paars Schuhe zu kommen?
Es mag Sie vielleicht enttäuschen, Herr Frisoni, aber Schuhe wecken in mir keine allzu großen Jagdinstinkte. Von daher kann ich Ihnen auf die Frage keine konkrete und ehrliche Antwort geben.

Würden Sie Rot mit Rosa kombinieren?
Das kommt ganz auf die jeweilige Nuance der Farbe an. Wenn beides stimmt, warum nicht? Aber lieber dezent und verspielt, denn auffällig sind die Farben ja schon so.

In welchem Moment war Ihnen zum letzten Mal bewusst, dass Sie ein Glückspilz sind?
Heute.

Warum arbeiten Sie?
Um glücklich zu sein, Geld zu verdienen und für die Selbstverwirklichung.

Was kann Geld Ihnen geben?
Befriedigung und Sicherheit.

Ihr erster Tag in einer aufregenden neuen Stadt: Laufen Sie mit oder ohne Plan?
Ohne natürlich. Ich lass mich gern überraschen und vor allem treiben.

Ekeln Sie sich vor Tauben?
Ja. Ich meine die Grauen unter der Brücke, bei denen man ständig Angst hat, dass sie einen auf den Kopf scheißen. Eigentlich sind das auch ganz normale Lebewesen wie du und ich. Die weißen Tauben hingegen mag ich, vor allem wegen der Symbolik für das sie stehen: Frieden.

Besuchen Sie gern historische Plätze?
Ja. Mit Hand und Fuß. Selbst heute noch berühre ich das Brandenburger Tor, wenn ich hindurchlaufe und spüre die Gänsehaut.

Es hat mir eine große Freude bereitet und würde gern das Stöckchen an Ada Mitsou  und Bonafilia weiterreichen.

Die Nostalgie hatte schon immer einen besonderen Charme. In einem liebevollen Roman verpackt, kann das Ganze leicht an kleine Wundertüten erinnern, die man sich nur getraut, ganz vorsichtig zu öffnen, aus Angst, dass der Glanz zu schnell verpufft.

Genauso ergeht es einem, wenn man die Eleganz des Igels liest. Muriel Barbery erzählt raffiniert und mit einem herzlichen Ton die Geschichte einer Concierge, die ein Doppelleben führt. Nach außen hin gibt sie sich als gewöhnliche Hausdame, die nicht viel Ahnung hat von der Welt - außer vielleicht, wie man Mülltonnen an die richtige Stelle stellt oder Postpakete entgegennimmt, doch Ausruhen mit diesem Bild sollte man sich nicht, denn Vorsicht sei vor dieser Concierge geboten.

“Ich heiße Renée. Ich bin vierundfünzig Jahre alt. Seit siebenundzwanzig Jahren bin ich Concierge in der Rue de Grenelle 7, einem schönen herrschaftlichen Stadthaus mi Innenhof. Ich bin Witwe, klein hässlich, mollig, ich habe Hühneraugen und in gewissen Morgenstunden einen Mundgeruch wie ein Mammut. Doch vor allem entspreche ich so genau dem Bild, das man sich von Conciergen macht, dass niemand auf die Idee käme, ich könnte gebildeter sein als all diese selbstgefälligen Reichen.”

Man ahnt es schon nach den ersten Seiten, wieviel Freude es dem Leser bereitet, stiller Zuschauer dieser bemerkenswerten Frau zu sein. Renée hat es faustdick hinter den Ohren. Man rauscht durch ihre Gedanken und vergisst schnell, dass dies keine studierte Kulturwissenschaftlerin ist, sondern eine ganz normale Frau, die sich ihre Wohnung mit einem alten Kater teilt und sich lediglich für gute Literatur, Kunst und klassische Musik interessiert. Renées Leben hätte bestimmt noch jahrelang so unentdeckt weitergehen können, wenn sie nicht die intelligente zwölfjährige Paloma und dem neuem Mieter, einem stilvollen und charmanten Japaner getroffen hätte.

Ich habe das Buch nicht konsumiert, wie ich es sonst mache, sondern in vollen Zügen genossen wie ein Eis, dessen Ende man nicht kommen sehen mag. In den 364 Seiten stecken neben der kleinen kulturwissenschaftlichen Reise auch zahlreiche Weisheiten und Denkanstöße, dass man öfter innehält, manchmal lächelt, weil es sich einfach nur gut im Geist anfühlt. Ein anderes Mal verharrt man als würde man mit beiden Füßen am Boden festgehalten…  Die S-Bahn verliert an Tempo, die Menschen reden langsamer - und das alles nur, weil die Sätze sich um die Seele legen wie ein vertrauter Schal, den man lange gesucht und endlich gefunden hat.

Lauschen wir den Gedanken Palomas und Renées, die klingen wie dieser Auszug hier:

“Wir müssen mit der Gewissheit leben, dass wir alt werden und das nicht schön, nicht angenehm und nicht lustig sein wird. Und uns sagen, dass das Jetzt wichtig ist: jetzt etwas aufbauen, um jeden Preis, mit aller Kraft. Immer das Altenheim vor Augen haben, um jeden Tag über sich selbst hinauszuwachsen, um jeden Tag vergänglich zu machen. Schritt für Schritt seinen eigenen Everest erklimmen und es so tun, dass jeder Schritt ein bisschen Ewigkeit ist.
Dazu dient die Zukunft: die Gegenwart aufzubauen, mit echten Vorsätzen, als Lebende.”

Manche Dinge lassen sich im Leben nicht planen. Sie schneien eines Tages durch den offenen Türspalt, ziehen wie Klammern gemein an deiner Nase und rufen frech: Hallo. Da bin ich und ich bleibe, ob es dir passt oder nicht. Und so liege ich auf der Couch, Kiki schnurrt all ihre Katzenliebe in meinen Bauch und der fremde Wind umkreist meine Stupsnase, noch etwas unsicher, ob er sich setzen darf oder nicht. Ich weiß es selbst noch nicht und streiche schüchtern durch das schwarze Fell, gebe ihm und mir eine kleine Bedenkzeit.

Einige Monate sind seitdem verstrichen. Der Sommer ging, der Herbst kam und irgendwann schlich der Frühling auf leisen Pfoten an, wieder durch die Wolken in das kalte Land, hungrig und gierig darauf, endlich den Frost von den Straßen zu schlecken. Noch heute erscheint mir das alles unwirklich, aber es ist wirklich. Manchmal glaube ich schon an ein Paralleluniverum, das gewisse Ereignisse lenkt und so fällt es mir schwer, nicht alles zu glauben, was sich mit der Aufschrift Realität schmückt.

Und doch weiß ich jetzt, genau in dem Augenblick, dass ich angekommen bin, endlich nach einer langen, unruhigen Reise. Es war mein Schicksal, sagst du. Ich glaube auch daran, schaue nach draußen und beobachte die Regentropfen, die sich erschöpft an die glatten Fenster legen. Wie schwer fiel es mir, wie zerrissen war ich bis vor wenigen Wochen.

Ich habe ein zweites, ein anderes Zuhause gefunden und bin mir meiner Wurzeln heute bewusst, deutlicher als ich es je für möglich gehalten habe. Ich wollte zunächst beides von einander trennen, weiß jedoch, dass das nicht geht und ich es nicht möchte.

Schließlich gehören zu beiden Beinen auch zwei Quellen, zwei Elternteile, ebenso wie zu den zwei Augenfarben, die mich jeden Morgen im Spiegel neugierig anschauen. Ich kannte das Grün, aber das Blau neben der Iris blieb jahrelang ein fremder Fleck, der sich nass anfühlte und mein Innerstes zum Zittern brachte, wenn ich dort hineinblickte.

Dass die beiden Quellen irgendwann nicht mehr zusammen waren, sich trennten wie Eiswände, die alsbald in das Meer fallen, zerbrechen, warum, wieso, wie tragisch, das ist eine andere Seite, eine andere Geschichte, nicht meine, es ist eure. Ich habe sie eingesammelt, in eine kleine Kiste zwischen weiche Kissen gelegt und geschlossen. Den passenden Schlüssel dazu habe ich dem Wind geschenkt, er wird schon genau wissen, was er damit anfangen wird.

Loslassen und neu aufbrechen, den kantigen Eisschollen ihrer eigenen Strömung vertrauen, das wollte ich und das habe ich nach einigen zunächst ängstlichen und später mutigeren Schritten geschafft. Heute bin ich keine Botschafterin, sondern einfach nur Tochter, von zwei Augenfarben, bei denen ich mich auf jeder Seite geborgen und ganz fühle.

Dafür sage ich Danke.

Ich kenne dich nicht und doch bist du mir seltsam vertraut, kleiner Junge. Mir scheint, als wärst du unterwegs auf einer kleinen Flucht, von der du selbst noch nichts weißt. Du lachst der Sonne mit einer Selbstverständlichkeit entgegen, die sich wahrlich gewaschen hat; alle anderen um dich herum sehen dein Strahlen, fangen es gierig auf, lassen sich einlullen in das wunderbarste Gefühl, das es gibt: Glückseligkeit. Ich jedoch entdecke viel mehr, indem ich unauffällig in einem Moment der Unaufmerksamkeit durch den einen Türspalt schlüpfe.

Dein Blick ist, wie sehr du deinen Mund auch nach oben ziehst, traurig, als würde in deinem Herzen ein dunkler Stachel sitzen, der schon jahrelang darauf wartet, herausgezogen zu werden. Die Schatten unter den Augen erinnern mich an alte Häuserwände, die nie das wirkliche Tageslicht zu spüren bekommen. Geschickt versuchen deine langen Wimpern, dem dunklem Rand auszuweichen, ihm einen gewissen Schliff zu geben, der andere zu sehr fasziniert als das sie sich auf das Wesentliche konzentrieren.

Unruhig fährst du dir durch dein längeres Haar, für nur einen Bruchteil der Sekunde hälst du einzelne Strähnen fest. Warum? Suchst du nach Halt? Oder testest du nur die Länge, ob es wieder an der Zeit ist, zum Friseur zu gehen?

Ich beginne mich zu fragen, gibt es sie wirklich? Die Boten der Traurigkeit, die beinah unsichtbar durch die Welt laufen und nur von wenigen gesehen werden? Wenn ja, was sollen sie bewirken? Sollen sie uns an den Augenblick des Glücks erinnern? Sollen sie uns sagen, dass das andere - meist als dumpfe empfundene - Gefühl genauso dazu zählt wie die Rosinen, die in einen Stollen gehören?

Wenn du dich in deinen Gedanken verlierst, einen Moment unaufmerksam bist, kommst du mir am nähesten fast wie mein eigener Atem, der sich im seichten Mondlicht bewegt. Anderen macht das bestimmt Angst, so wie du dann ausschaust, weil es sich nicht ziert, traurig auszusehen und außerdem ruft das Fremde auch bei einigen Unsicherheit hervor. In mir hingegen weckt es sonderbare Gefühle, die mich mit der Kraft einer zärtlichen Geste sanft im Nacken streicheln.

Während du, Junge aus dem Tal der Tränen, zu einem nächsten Lachen ansetzt, lasse ich mich von deinem melancholischen Blick davontragen, in ein Land, das ich nur aus meinen intimsten Träume kenne…

Man übersieht sie schnell. Einige nehmen sie in der Eile nicht wahr, andere interessieren sich nicht für sie, weil ihr Glanz wahrscheinlich nicht glitzernd genug ist. Sie sind die kleinsten Teilchen im Großen Ganzen der Arbeitsmaschine, aber ohne sie würde das Rad zum Stehen kommen. Ich begegne ihnen nun Tag für Tag in einem Warenhaus im Bezirk einer großen Stadt, wo sich viele Touristen verirren und die wohlhabende Bevölkerung regelmäßig einkehrt.

Die kleine WC-Dame.
Sie kann kaum ein deutsches Wort über die Lippen bringen, verlangt aber gleich am ersten Tag 5 Euro für den Toilettengang, mit einem herzlichen Grinsen. Ich gehöre zwar zum Personal, habe ihr trotzdem ein paar Tage später ein paar Centstücke in die Schale gelegt, die sie mir gleich wiedergeben wollte. “War nur Scherz,” stammelte sie leicht verlegen. Nein, aber ich wollte ihr etwas geben, wertschätzen für ihre kleine Arbeit und legte ein Lächeln obendrauf.
Sie sitzt Tag ein, Tag aus auf ihrem kleinen Stuhl. Der zierliche runde Tisch, der zwischen den Damen und Männer Toiletten als Grenze agiert, beherbegt stets eine gelbe Thermoskanne, von oben donnert das harte Neonlicht auf ihr Haupt. Wo mag sie wohl herkommen? Bulgarien? Jugoslawien? Ich ertappe mich oft dabei, wie ich mich zu ihr setzen und ihre Lebensgeschichte hören möchte und stelle es mir wie ein Puzzlespiel vor… jedes einzelne Wort, das nicht grammatisch sitzt, würde ich an die richtige Stelle fügen und hätte am Ende bestimmt ein interessantes Bild. Dennoch zweifle ich daran, ob es überhaupt möglich wird, weil sie nach jedem Klogang in die Kabinen eilt und die weißen Brillen wischt auf denen vorher noch fremde, sich entladene Pobacken gesessen haben so sauber, das man sie ablecken könnte, vollkommen angstfrei vor irgendwelchen Keimen. Einmal kam sie mir mit einem verzerrten Gesicht entgegen und sagte: “Bäh, stinkt.” Ein anderes war leider nicht frei und ich musste “Bäh, stinkt” wohl in Kauf nehmen und hielt die Luft an. Ich schätze sie, denn trotz der ganzen Scheiße lacht sie so oft aus tiefstem Herzen, da können sich einige Pradataschenträgerinnen eine große Scheibe davon abschneiden.

Der Müllmann.
Wir kannten uns nicht mal einen Tag und er fragte mich: “Na wie geht es dir?” Das “Sie” hat er einfach übersprungen, wahrscheinlich kennt er es nicht. Seine Augen hinter der Brille wissen oft nicht, wo sie hinschauen sollen und ich ahne, dass er ein kleiner, einfach-gestrickter Mann ist. Zunächst stutzte ich ein wenig über seine offene Art, aber relativ schnell sah ich drüber hinweg und freue mich heute täglich über unsere Begegnung. Es scheint, als kennen wir uns ewig. Während ich auf den Personalfahrstuhl warte, kratzt er im Müll die richtigen Dinge zusammen. Er schweigt, doch ich höre das Stöhnen seiner Knochen deutlich zu mir vordringen, die Schweißperlen setzen sich an die Wände und warten auf den nächsten Luftzug. Ich frage mich, wie kann so ein unscheinbarer Mann mich täglich so glücklich machen? Ganz einfach, weil er er selbst ist und dabei noch nicht vergessen hat, was es heißt: Ein Mensch zu sein.

Sie sind kleine unscheinbare Wesen, irren oft in den dunklen Gemächern, hinterlassen dort kleine Funken und beherrschen das zwischenmenschliche Miteinander besser als viele andere, die viel höher stehen als sie. Für mich strahlen sie jeden Tag und ich werde sie niemals übersehen.

Wenn ich heute an das Mädchen zurückdenke, überkommt mich eine Kälte wie sie nur an eisigen Wintermorgenden herrscht. Und ich sehe noch etwas: Eine Träne, die sich zart an den starken Sonnenstrahlen festhält. Ich wollte sie auffangen, doch meine Arme waren zu kurz, mein Atem zu schnell, als das ich sie hätte in ein Land pusten können, das vor Freude erstrahlt. Ihre Traurigkeit berührte mich noch Stunden nach unserer Bewegung, wenn ich ganz ehrlich bin, selbst heute noch. Als ich mit meinem Liebsten freudig erzählend mit der S-Bahn in die City fuhr, spürte ich eine kalte Nebelwand zwischen ihm und mir, denn er saß genau neben ihr.

Das Mädchen hielt ihren Schokoriegel in den Händen, als wäre es ihr liebstes Stofftier, das sie schon seit ihrer Kindheit stets bei sich trägt. Ich dachte erst, es sei ein Straßenkind, doch beim genauen Hinsehen, sah ich wie makelos ihre Kleidung war. Alles sauber, keine Falte, fleckenlos. Lediglich ihr Gesicht erzählte mir die wahre Geschichte. Sie hatte es im Leben nicht leicht gehabt und ich sah ihr die Erschöpfung unter den Augen deutlich an. Die Haut erinnerte mich an kalte Asche, die mein Opa stets aus dem Ofen herausgekratzt hat, während draußen zarte Schneeflocken sachte an die Fenster klopften. Ihre Augen vergruben sich ganz hinten in den Höhlen und sehnten sich in Wirklichkeit nach Ruhe und Frieden. Dort existierte kein Leuchten, wie es bei jungen Leuten sonst der Fall ist. Das Mädchen war jünger als ich und schien älter als mein Opa.

Als wir die Bahn verließen, sagte mein Liebster leise, fast flüsternd:
Sie hat mich eben ganz traurig angesehen. Das tut weh.
Ich drückte seine Hand und verstand.
Für einen Moment blieb die Zeit vollkommen stehen, die Menschen um uns verharrten in ihrer Bewegung und wir schauten der Bahn nach, die von einem seltsamen Schatten umgeben war.

Ich weiß noch genau, wie ich mich fühlte, als ich das Buch entdeckte: Leer. Die Stunden in der Buchhandlung zogen sich durch Langeweile in die Länge und plötzlich hielt ich inne, als ich das Büchlein auf dem Tisch liegen sah.

Helene Hanff - 84, Cross Road - Eine Freundschaft in Briefen.

Die Buchstaben flatterten unruhig vor meinen Augen fast so, als hätte das Buch nur auf mich gewartet. Die meisten Kunden, die mich in dem Laden damals aufsuchten wollten nur Bestseller und von der feinen Lektüre nichts wissen und das obwohl es wirklich ein großes Stück Literatur ist - es ist viel mehr eine Hommage an das Kulturgut Buch.

Helene Hanff verband einst eine innige Freundschaft mit den Buchhändlern des Londoner Antiquariats Marks & Co. Die verschiedenen Menschen hatten sich nie gesehen, die ganze 20 Jahre nicht und doch verband sie eine Freundschaft, jene Verbindungen, die es nicht oft gibt. Die Schriftstellerin Helene Hanff lebte in New York und war stets auf der Suche nach Büchern, die Marks & Co. besorgen konnten. Erst sind die Briefe rein geschäftlicher Natur, doch im Laufe der Zeit bekommen sie immer mehr einen persönlichen Schliff - besonders bemerkswert ist die Sprache, wie wir sie heute gar nicht mehr kennen.

Ich plädiere als anerkannte Buchhändlerin dafür, dass dieses Buch in jedes Regal gehört, vor dem sich Menschen tummeln, die eine Leidenschaft für schöne Bücher pflegen. Es ist klein, ungemein fein, unersetztlich und lässt im Vergleich viele aktuelle Bestseller blass aussehen.

Meine Hände haben zehn Finger. Ich betrachte jeden einzelnen akribisch als wäre ich das Mikroskop höchstpersönlich und zähle sie durch. Zehn… eine 1 und eine 0. Die Zahl streift zaghaft mein Haar, verharrt dort zwei lange Atemzüge und wandert weiter am Hals entlang, in mein Ohr und fällt ins weiche rote Plüschsofa meines Herzens.

Es sind genau zehn Jahre her, dass ich endlich 18 Jahre geworden bin. Was habe ich damals dem Tag entgegengefiebert. Ich erinnere mich noch so genau, als wäre es gestern gewesen. Im Hintergrund höre ich meine Mutter sagen: “Warts nur ab, von nun an vergehen die Jahre wie im Fluge.” Was habe ich schallend über die mütterliche Weisheit gelacht. War es wirklich Schadenfreude oder wollte ich die aufkommende Angst des kurzen Atems der Zeit überspielen?

Ich sprang mit einem Gesicht, das von Freudestränen eingeseift war, vom Felsen in das frische Nass der 18 und freute mich auf die Schätze, die der Meeresboden für mich bereit halten sollte. Als erstes schnappte ich mir das Wort Volljährigkeit und die damit verbundene Verantwortung. Hinter der nächsten Koralle versteckte sich der Führerschein und weiter dahinten mein Abi, etwas abseits lag eine neue Stadt und die erste eigene Wohnung. Hungrig war ich, als hätte ich wie eine Bärin bis dahin einen tiefen Winterschlaf gehalten und wollte nun alles auf einmal verschlingen. Alles kam langsam im Zeitlupentempo auf mich zu, aber verdaut wurde rasant und ich bemerkte es im Eifer nicht. Die Worte der Mutter lagen verborgen hinter gelesenen Bücherseiten und wisperten im Schatten ihr eigenes Lied.

Heute krame ich sie hervor und habe wieder Tränen in den Augen - es sind jedoch andere, keine von Trauer durchtränkten, viel mehr Spuren der Rührung, Tränen einer erwachsenen Frau von 28 Jahren. Die naive Leichtigkeit dominiert jetzt nicht mehr allein. Gerührt bin ich über die Geburtstagskarte meiner Mama, die Worte so wahr, herzlich und rein. Jeden einzelnen Buchstaben habe ich herausgezogen, auf eine Leine gehangen und erfreue mich über das, was ich heute bin. Leider bin ich noch immer zu oft eine kleine Chaotin, die 12 Stunden des Tages mit dem Suchen beschäftigt ist. Gleichzeitig möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass ich enorm gewachsen in den zehn Jahren und es zu häufig übersehe. Ich habe wirklich keine Zeit vertan, wie du schreibst. Mama. Mein Rucksack, den ich schon mit 18 Jahren schnürte, trug ich stets bei mir. Einige Träume entpumpten sich als zerplatzte Seifenblasen, dafür kamen jedoch neue Perlen für meine Lebenskette hinzu. Ich habe viel riskiert, etliche Eimer an Tränen in die Blumentöpfe gegossen, Risse am Leibe erfahren, die heute in Form von Narben an jene schmerzhaften Ereignisse erinnern, mir dafür Stärke in die Knochen gebrannt haben. Meinen Weg bin ich aber unbeirrt, hartnäckig weitergegangen und manchmal hat mir meine kindliche Naivität weitergeholfen. Nicht darüber nachdenken, sondern einfach nur machen und an das Gute im Menschen glauben.

Ich bereue nichts, kein Umweg war mir zu lang, kein Berg zu hoch, keine Schweißperle zu nass, keine Träne zu feucht. Vielleicht habe ich an einigen Stellen den kurzen Atem der Zeit gelegentlich unterschätzt. Wie oft verschob ich Sachen auf Morgen, obwohl sie besser in die Gegenwart gepasst hätten? Wie oft habe ich an Dingen festgehalten, obwohl sie längst am Horizont verschwunden waren? Wie oft habe ich gegenwärtig über Sachen nachgedacht, die noch gar nicht an der Zeit waren? Irgendwann stieß ich durch einen Autor auf eine Kultur, die in der Moderne zwar ebenso eilt wie ich, doch parallel die Kunst des Anhaltens, des Verweilens beherrscht. Die Menschen dort lassen los, wenn es sein muss und beugen sich vor der Natur als wäre es der liebe Gott persönlich. Ich spreche von den Japanern und dem Buddhismus. Das fasziniert mich und hält mein Rad an, wenn es das Tempo überschritten hat.

Das Teufelchen sitzt auf meiner linken Schulter und grinst:
“Siehst du, du wolltest damals nicht auf deine Mama hören. Nun hast du den Salat.”
“Salat? Wo ist Salat? Schau sie dir an, wie wunderbar sie geworden ist. Ihre Stärke, den großen Happen an Weisheit, den sie heute schon im Bauch liegen hat”, entgegnet der Engel auf der rechten Schulter. “Sie ist ihren Weg gegangen und wird ihn weitergehen mit ihrem eigenen Atem und wenn sie die Zeit eines Tages einholt, dann hält sie diese fest und denkt an ihre Mama zurück. Sag, gibt es ein schöneres Gefühl als dieses?”

Sicherlich ist es schön, wenn es Zeitrahmen gibt, doch ich finde, man sollte für sich den eigenen Atem der Zeit finden und leben. Während ich das denke, tanzen meine zehn Finger den nächsten Jahren in ihrem eigenen Rhythmus entgegen.

Wir sterben.
Das mag der Sinn des Lebens sein.
Aber wir machen auch Sprache.
Das sollte der Maßstab des Lebens sein. [Toni Morrison]

Ich erinnere mich gar nicht mehr, wann es das letzte Mal war. Viele Monate sind seitdem übers Land gezogen. Blumen blühten, Äpfel reiften, Blätter fielen. Mein Geist irrte unruhig umher, unsicher, wo vorne und wo hinten ist. Heute steht er naürlich nicht still wie ein fertiges Haus, dennoch ist er irgendwie erwachsener geworden.

Im Lichtschein des Mondes streichele ich über sein Gesicht, er atmet tief und hält sich jetzt ganz woanders auf. Vielleicht fährt er mit seinem geliebten Jaguar durch Italien, ich daneben und auf uns die Sonne. Wer weiß das schon. Träume sind unsere geheimen Botschafter, manchmal ähneln sie dem Gruselkabinett und in anderen Nächten fühlt man sich wie im Paradies, möchte nicht aufwachen. Ich liege nun wach, aufgekratzt und versuche die Zahl zu greifen. Ich bewege meine Finger nach oben… 1…2…3…4… Dann taucht sie auf einmal grinsend auf: die 4 war es. Während eben noch das Bild eines warmen Sommertages meine Wangen streifte, plumpst mir die Zahl auf die Nase wie eine dicke Spinne. Ich erschaudere und zittere. Eckig, spitz ist sie und ich höre sie hähmisch lachen.

Vier Jahre und sechs Monate ist es her, dass ich mit einem ICE gefahren bin. Es sollte damals die Reise in ein dunkles Land sein, das man sonst aus schlimmen Filmen kennt, eine Landschaft, wo keine Pflanzen und singende Vögel mehr existieren. Es war das furchtbarste Weihnachten, das ich je erlebt habe. Noch Monate, Jahre danach verfolgten mich Alpträume, in denen mich die eine Person bedrängte, die dort auftauchte. Ich hatte mich damals auf das Fest gefreut, auf meine Familie, meine Nichte und Neffen. Es sollte so schön sein, wie man es kennt, aber für mich war die Feierlichkeit blanker Horror. Während alle im Haus schliefen, lag ich mit der gewissen Person im Keller - dort war das Gästezimmer. Statt Sternenküsse hagelten Vorwürfe und Schuldzuweisungen auf mein Kissen. Der Boden löste sich in Salzkristalle auf, aber es waren dieses Mal nicht meine Tränen. Folglich sei ich ein kaltherziger Mensch gewesen. Die anderen bekamen von dem Desaster überhaupt nichts mit und ich verschwieg das alles, aus Vorsicht und es allen Recht zu machen, nur keine Unruhe stiften.

Heute bin ich mir darüber bewusst, dass ich es hätte machen sollen. Schon am ersten Abend der Ankunft hätte ich wieder abreisen sollen, zurück zu meinem Liebsten, der sich in der Heiligen Nacht eine kalte Wohnung mit einem einsamen Mann und Kater teilte. Aber ich blieb, ich war feige, ängstlich. Ich blieb, schwieg mich blutig wohl wegen meiner Nichte und Neffen - da ich sie ohnehin zu selten sah. Wer den Glanz von glücklichen Kinderaugen kennt, wird mir nachempfinden. Ehe ich mich versah, kroch ein Monster zu mir, durch die Ohren… weiter in die Brust und verharrte im Herzen. Wo sich eins zwei Menschen liebten, zerfleischten sie sich wie wilde Tiere.

Wie oft ich danach nachts klitschnass aufgewacht bin, weiß ich nicht mehr. Ich habe es vorsorglich verdrängt. Der ehemalige Geliebte war zu einem brutalen Monster geworden. Er versuchte mich einzusperren, mich zu vergewaltigen, mit einem Schraubstock kratzte er an der Tür und rief gierig: Ich krieg dich noch.
Niemanden - bis auf den engsten Freundinnen - habe ich davon erzählt. Ich schwieg, wollte keine Unruhe stiften, das gleiche Spiel wie zum besagten Weihnachtsfest. Doch jetzt, Jahre später, wo ich wieder im ICE sitze, kommt alles nach oben, da ist ein Riss, der die bösen Gedanken und Gefühle nach oben pumpt begleitet von einem Geschmack, der an faule Äpfel erinnert.

Ich weiß, ich habe damals im Sommer 2003 einige sehr verletzt, meine Mutter am meisten, durch mein Schweigen, doch ich hatte Angst. Ich hatte mich in einen anderen Mann verliebt, einen Mann, der Jahre älter war als ich und nicht in so sicheren Gefilden schwamm wie sein Vorgänger. Doch der neue Mann war ein Seelengefährte, wie man ihn selten trifft. Einige warten Jahre oder ihr ganzes Leben auf so eine zauberhafte Begegnung, die vom Schein der Götter umgeben ist. Damals wollte ich den anderen hinter mich lassen, befreien, allein sein. Und ich habe mich nicht sofort in eine neue Beziehung gestürzt. Wir beide wollten und mussten uns erst einmal sortieren. Ha, und da sind sie wieder die Rechtfertigungen, es jedem Recht machen zu wollen.

Ohne etwas zu tun, füllen sich meine Augen jetzt mit Tränen und gleichzeitig fällt eine große Last von mir ab. Ja, meine Tränen mischen sich nun mit einem Lachen und ich fühle mich wie eine Raupe, die schon ihre Flügel spürt. Sicherlich sind vier Jahre und sechs Monate keine lange Zeit auf das Leben gerechnet und doch können sie dich prägen als wären sie 50 Jahre.
Das Monster habe ich mittleweile besiegt. Wenn er heute des nachts auftaucht, winselt er vor Unsicherheit als wäre er ein schüchterner Hund. Wenn von dem Fetzen an Liebe und Wärme damals noch etwas existierte, so hat er es durch sein egoistisches Verhalten zerstört. Es lebt nichts mehr von dem in meinem Herzen.

Ein einziger Grabstein erinnert heute an das, was sich einmal Liebe nannte.

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